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Zur Zukunft der Arbeitssprache Deutsch

Arbeit

Torsten Hilse
Torsten Hilse

VON TORSTEN HILSE

Die Zukunft der deutschen Sprache als Sprache des Arbeits- und Erwerbslebens der Menschen in Deutschland ist in Gefahr.

In immer mehr Unternehmen wird die unternehmensinterne Kommunikation auf Englisch umgestellt.

In der Praxis heißt das: Rundschreiben der Geschäftsleitung an die Beschäftigten werden nur noch auf Englisch verfasst. Telefonate müssen von den Mitarbeitern in Englisch geführt werden, auch wenn beide Seiten Deutsch verstehen. Geschäftsbriefe, Arbeitsgespräche, Vertragsabschlüsse - alles muss englisch sein.

Für sehr viele Arbeitnehmer ist diese Umstellung der Unternehmenssprache auf Englisch mit großen beruflichen Unsicherheiten und Nachteilen verbunden.

Dieses Problem stellt sich nicht nur in Deutschland dar, sondern es existiert auch in Frankreich und in Italien. Die französischen und italienischen Gewerkschaften mobilisieren bereits gegen diese Entwicklung. Eine Reaktion der deutschen Gewerkschaften steht noch aus.

Insbesondere ältere Beschäftigte werden durch diese Maßnahme aus dem Erwerbsleben gedrängt. Durch das Erfordernis, am Arbeitsplatz nicht mehr die eigene Sprache sprechen zu dürfen, sondern Englisch benutzen zu müssen, werden zusätzliche Beschäftigungshürden aufgebaut und Bildungsprivilegien geschaffen. Wer den neuen Anforderungen nicht gewachsen ist, wird ins Abseits gestellt oder sogar entlassen.

Dabei sind englische Sprachkenntnisse kein zwingendes Erfordernis für die Erledigung der Arbeit in den allermeisten Betrieben. Viele Beschäftigte, die Englisch nicht verhandlungssicher beherrschen, verfügen ansonsten über eine hohe fachliche Qualifikation, Kompetenz und Lebenserfahrung, um in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten. Auch identifizieren sie sich stark mit ihrem Unternehmen, was insbesondere in Krisenzeiten ein wichtiges Pfund ist.

Doch auch junge Menschen sind von der Sprachumstellung in negativer Hinsicht betroffen:

Die Anforderungen, was von jungen Menschen bereits bei ihrem Einstieg ins Erwerbsleben an Kenntnissen und Fertigkeiten erwartet wird, wurden in den letzten Jahren stetig nach oben geschraubt. Dies hat dazu geführt, dass die Anforderungsprofile in den Stellenausschreibungen heutzutage von praktisch keinem Bewerber mehr erfüllt werden können. Die Unternehmen schieben die Verantwortung für die angeblich mangelnde „Ausbildbarkeit“ der jungen Leute dem Staat zu. Tatsächlich jedoch wäre es auch Aufgabe der Wirtschaft, ihre Beschäftigten berufsbegleitend und betriebsintern zu qualifizieren, sie weiterzubilden und Schritt für Schritt an neue Tätigkeitsbereiche im Unternehmen heranzuführen.

Faktisch wird mit der Einführung der einheitlichen Arbeitssprache Englisch in europäischen Betrieben auch eine beliebige Austauschbarkeit der Standorte erzielt. Es ist künftig egal, ob in Deutschland produziert wird. Die Belegschaften sind in sprachlicher Hinsicht alle „eingenormt“. Somit können Betriebsschließungen in Deutschland mit anschließender Verlagerung der Arbeitsplätze an andere billigere Standorte am Rande Europas viel schneller und aufwandsarm vorgenommen werden. Das ist Neoliberalismus pur.

Jeder Arbeitnehmer – sofern er nicht im oberen Management arbeitet – sollte das Recht haben, am Arbeitsplatz in seiner traditionellen Landessprache kommunizieren zu dürfen. Viele Arbeitnehmer werden krank, wenn sie sich am Arbeitsplatz ständig verbiegen müssen. Das Recht, am Arbeitsplatz sich der traditionellen Landessprache bedienen zu dürfen, ist ein hohes öffentliches Gut, das wir verteidigen und in Betriebssatzungen verankern sollten.

Es ist nicht Ausdruck von Schwäche, wenn man sich dem neoliberalen Konzept der Einheitssprache Englisch entgegenstellt, sondern es zeugt von Souveränität und Selbstbewusstsein. Und es schützt die Beschäftigten vor Diskriminierung.

Es wäre daher zu begrüßen, wenn auch die deutschen Gewerkschaften sich dem Protest ihrer französischen und italienischen Kolleginnen und Kollegen gegen die zunehmende Sprachumstellung in europäischen Unternehmen anschließen würden.

 

Homepage Torsten Hilse, MdA